egoismus

Wenn das ICH im Mittelpunkt steht

Die Lichter im Passagierraum gehen aus, du erkennst nur noch die grünen EXIT-Schilder. Die Stewardess spricht über den Lautsprecher: „Please fasten your seatbelt“. Das Flugzeug bewegt sich unregelmäßig, es wird hin- und her geschleudert. Du nimmst ein lautes Knacken war. Du spürst, dass die Flughöhe rapide sinkt. Am Fenster sind Funken zu sehen. Du hast Angst, du hast Panik, die Passagiere beginnen zu schreien. Scheiben brechen, die Geschwindigkeit nimmt zu, Feuer bricht aus, die Rauchentwicklung ist zu stark, du schnappst vergeblich nach Luft. Die Sauerstoffmasken fallen aus der Deckenverkleidung, du willst danach greifen. Ihr sitzt zu dritt in einer Reihe, aber es gibt nur zwei Sauerstoffmasken. Du bekommst keine Luft mehr, dir wird schwindelig – du greifst nach der Sauerstoffmaske. Deine Lungen füllen sich mit Sauerstoff, das Atmen fällt leichter. Du siehst, wie einer deiner Sitznachbarn ohnmächtig wird.

 

Doch welche Alternative gibt es zu diesem egoistischen, grausamen und unmenschlich scheinenden Verhalten? Stellen wir uns die Situation des Flugzeugabsturzes anders vor; stellen wir uns vor, dass du nicht egoistisch handeln willst, dass du nicht schuld am Tod deines Sitznachbarn sein willst. Du siehst, dass nur zwei Sauerstoffmasken aus der Deckenverkleidung fallen. Du greifst bewusst nicht nach einer Sauerstoffmaske. Deine beiden Sitznachbarn greifen danach und saugen die Luft aus den Sauerstoffmasken gierig ein. Dir wird schwindelig, dir wird schwarz vor Augen, du trittst weg. Dieses zum Egoismus gegenteilige, selbstlose, uneigennützige Verhalten nennt man Altruismus. Altruisten sind also Menschen, die auf ihre eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Interessen verzichten, nur um auf ihre Mitmenschen Rücksicht zu nehmen. In dem geschilderten Flugzeugabsturz ist klar, welches Verhalten – altruistisch oder egoistisch – von Vorteil ist: der Egoist überlebt, der Altruist stirbt. Doch welches Handlungsmuster ist im alltäglichen Leben – in der Schule, in der Familie, in der Arbeit – von Vorteil? Jeder weiß aus eigener Erfahrung, dass übermäßig egoistische Menschen aufgrund ihrer Verhaltensweisen oft unbeliebt sind und aus sozialen Gruppen ausgestoßen werden. Daher hat sich auch im Laufe der Evolution im Gehirn ein bestimmter Bereich herausgebildet, der eigens dafür da ist, unsere egoistischen Verhaltensweisen zurückzudrängen: dorsolaterale präfrontale Kortex. Dieser Gehirnbereich ist vorhanden, weil sich ein Mensch mit rein egoistischen Verhaltensweisen weder an gesellschaftliche Normen, noch an moralische Maßstäbe halten könnte und im Alltag nur anecken würde. Übermäßiger Altruismus jedoch führt oft dazu, dass sich durch die ständige Aufopferung für die Bedürfnisse anderer Menschen psychische Erkrankungen wie das Helfersyndrom, ein Burn-out oder Depressionen einstellen. Sowohl Egoismus, als auch Altruismus haben im alltäglichen Leben negative Aspekte, weswegen auch bei der Wahl der Verhaltensweisen ein Mittelweg zwischen Egoismus und Altruismus gefunden werden muss, ein sogenannter “gesunder Egoismus”.

In der evolutionären Psychologie hat sich die Meinung durchgesetzt, dass Altruismus letztlich auch nur Egoismus ist. Damit ist gemeint, dass wir nur selbstlos handeln, weil Altruismus soziale Anerkennung und Akzeptanz garantiert, was wiederum Zufriedenheitsgefühle und Wohlbefinden auslöst. Stimmt das? Handeln wir nur rücksichtsvoll und selbstlos, um uns selbst besser zu fühlen? Wird der Mensch tatsächlich als rein egoistisches Wesen geboren und kooperiert nur für den eigenen Vorteil? Ein 18 Monate alter Junge sitzt in einem Versuchsraum und spielt mit bereitgestellten Spielzeug. Im gleichen Raum bemüht sich ein Erwachsener mit vollen Händen eine Schranktür zu öffnen. Der kleine Junge steht auf, lässt sein Spielzeug fallen, läuft zu dem Erwachsenen und hilft ihm, die Schranktür zu öffnen. Der Junge wird für sein Verhalten nicht belohnt, trotzdem verhält er sich auch in kommenden Versuchen äußerst hilfsbereit. Der gleiche Versuch wurde mit mehreren Kindern durchgeführt, nur mit dem Unterschied, dass ein Teil der Kinder für ihre Hilfsbereitschaft mit Spielzeug und Süßigkeiten belohnt wurden. Überraschenderweise jedoch verhielten sich vor allem die belohnten Kinder in Folgeversuchen weniger hilfsbereit und zuvorkommend. Dieses Experiment haben Felix Warneken und Michael Tomasello am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie mit mehreren Kleinkindern durchgeführt, doch das Ergebnis blieb stets dasselbe: die Kinder handelten selbstlos und nicht egoistisch. Das beweist, dass der Mensch nicht als rein egoistisches Wesen geboren wird, sondern durchaus selbstlos handelt; auch wenn sich dadurch keine „Belohnung“, also kein Vorteil ergibt. Doch ist es im Beruf sinnvoll ein Egoist zu sein? Der Grundsatz „Wenn du erfolgreich sein willst und Karriere machen willst, musst du egoistisch sein“ ist uns allen vertraut und früher oder später werden wir uns damit konfrontiert sehen. Doch stimmt das? Können nur Egoisten im Beruf erfolgreich sein und Karriere machen? Vor allem Schüler und Studenten haben oft den Eindruck, dass man im späteren Berufsleben egoistisch sein muss. Doch ein Blick in die Wirtschaft beweist, dass Begriffe wie „Egoismus“, „Ellenbogen-Verhalten“ und „Durchsetzungsvermögen“ an Bedeutung verlieren, während Arbeitgeber vermehrt Wert auf „Teamfähigkeit“ und „soziale Kompetenzen“ legen. Demzufolge hat der Egoismus auch im Berufsleben und in der Wirtschaft zwei Seiten: Einerseits ist jemand, der nie an eigene Interessen denkt und keine Meinung durchsetzen kann für das Unternehmen nutzlos, da somit auch die Interessen des Unternehmens nicht vertreten werden können. Andererseits macht sich ein Egoist in einer Arbeitskultur, in der Teamfähigkeit und soziale Kompetenzen benötigt werden, nicht beliebt. Der Aggressionsforscher Jens Weidner rät Berufseinsteigern daher, dass sie „zu 80 Prozent Gutmensch sein sollen“ und „die restlichen 20 Prozent Mephisto sollten für jene reserviert sein, die dir schaden wollen“.

Und jetzt? Lieber der altruistische Gutmensch oder doch der selbstbezogene Egoist? Fest steht, dass Egoismus in lebensbedrohlichen Situationen, wie zum Beispiel bei einem Flugzeugabsturz, lebensnotwendig ist und gerade in derartigen Szenarien der evolutionsbiologische Charakter des Selbsterhaltungstriebes hervorkommt. Im Alltagsleben hingegen wird – überspitzt dargestellt – der Egoist aus der Gemeinschaft ausgestoßen, wohingegen der Altruist an seiner Selbstlosigkeit zugrunde geht. Die Lösung dieses Problems liegt in dem Begriff „gesunder Egoismus“, wie der österreichische Arzt, Lyriker und Essayist Ernst Freiherr von Fallersleben bereits 1838 in seinem Werk „Zur Diätetik der Seele“ schreibt: „Ein […] edler Egoismus ist erforderlich, um heiter und gesund zu leben.“ Das Wort „edel“ deutet bereits an, dass der Egoismus des Individuums zwar so groß sein darf, dass die eigenen Ziele erreicht werden können, aber niemals so groß sein darf, dass das egoistische Handeln „unedle“ Folgen hätte.

Text: Antonia Gerbeth, Q12

Illustration: Marlene Stahl, Q11