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Wenn das Leben aus den Fugen gerät, dann sollte man sich professionelle Hilfe suchen.“

Interview mit Psychologin und Traumatherapeutin Frau Dr. Tammerle-Krancher

Lappersdorf, ein nebliger Oktobertag. Das weiße Haus ist von ausgetrockneten Pflanzen und Blumen umrankt. Frau Dr. Tammerle öffnet mit einem Lächeln die Haustür und bittet höflich hinein. Bereits im Eingangsbereich des Hauses entdeckt man Bücherregale und Auszeichnungen. In dem gemütlichen Wohnzimmer wirft ein kleiner Kamin rötliche Schatten, auf dem Fensterbrett stehen Töpfe und Gewächse dicht an dicht und viele kleine Bilder und Zeichnungen hängen an der Wand. Die Kindheit in Südtirol, ihre Studienjahre und ihr Berufsweg zu einer renommierten Psychotherapeutin, all ihre entscheidenden Lebensabschnitte sind wie Mosaiksteinchen im Hause verteilt. Zusammengesetzt ergibt das Mosaik das Bild einer älteren Dame. Eine Frau, die ihr Leben lang alles gegeben hat um Kranken und Schutzlosen zu helfen. Obwohl sie schon seit vielen Jahren im Ruhestand leben könnte, schreibt die Therapeutin noch für Fachzeitschriften, verfasst psychologische Gutachten für Gerichte und ist als selbstständige Psychotherapeutin tätig.

 

Blickkontakt: Hatten Sie als Kind einen Traumberuf?

Frau Tammerle-Krancher: Ja, ich wollte auf jeden Fall Kindern helfen. Da bot sich natürlich der Lehrberuf an, und so wurde ich Lehrerin und übte diesen Beruf neun Jahre lang aus. Aber dann wurde es mir einfach zu langweilig.

Wann und warum wurde Ihnen klar, dass Sie Psychologin werden wollten? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Ja, nach dem Studium in Köln hatte ich gerade ein bisschen oberflächlichen Kontakt zur Psychologie und den Fragen nach dem Ursachen und Gründen menschlichen Verhaltens. Durch mein Praktikum im Gefängnis Köln-Ossendorf war mir deutlich geworden, dass ich inhaltlich tiefer einsteigen musste. Die Oberfläche war mir nicht genug. Und so bin ich eingetaucht in dieses faszinierende Wissensgebiet.

Welche Erlebnisse innerhalb ihres Berufslebens haben Sie am meisten geprägt?

Die unverständlichen und zum Teil unsinnigen Behandlungsmethoden traumatisierter Kinder und Jugendlicher, die ich während und nach dem Studium kennengelernt hatte. Wir hatten eine schwer traumatisierte Pflegetochter in meiner Familie, und sie wurde meine Lehrmeisterin. Die therapeutische Arbeit mit den Jugendlichen des KAP-Instituts (Anm. d. Red.: Institut für Erlebnispädagogik und Weiterbildung) ist einerseits eine besondere Herausforderung, da die Jugendlichen fast ausnahmslos schock- oder entwicklungstraumatisiert sind und für ihre Genesung lange benötigen. Andererseits besteht kein Zeitdruck und man kann ihnen die Zeit geben, die sie für ihre schrittweise Genesung brauchen.

Wie erfolgreich ist Psychotherapie?

Wenn in der Phase vor der Therapie Medikamente genommen wurden, ist der Erfolg gering. Wenn die Therapie vor der Medikamenteneinnahme beginnt, ist die Therapie meistens erfolgreich. Aber das hängt immer auch vom Krankheitsbild und vom Verlauf der Krankheit ab.

Was muss geschehen, damit Psychotherapie erfolgreich sein kann?

Das Vertrauen und die passgenaue Beziehung sind in erster Linie entscheidend. Dann hängt viel von den individuellen Ressourcen und dem Leidensdruck des Klienten ab. Und von seinem Verhalten und seiner Fähigkeit, sich selbst ernst zu nehmen, sich zu entwickeln, sich zu „steuern“. Es ist schon auch eine Frage der Willenskraft auf Seiten des Klienten.

Sind Spinnenphobien schwieriger zu behandeln als die Angst, ins Flugzeug zu steigen?

Je nach Ursache und Motivation. Eigentlich sind beide gut und mit hoher Erfolgsquote zu behandeln.

Wie viele Sitzungen werden in der Regel benötigt, um wieder auf die Beine zu kommen? Was war ihr kürzestes Therapieangebot und was war Ihre längste und schwierigste Therapie?

Die kürzeste Therapie war die Sitzung mit einer Frau, die ein Baby hatte. Die Mutter kam zum nächsten Termin und sagte: „Als ich letztes Mal nach Hause kam, war mein Kind in Ordnung. Ich bin jetzt nur so nochmal vorbei gekommen, um „Hallo“ zu sagen.“

Meine längste Therapie geht schon über fünf Jahre. Manchmal sind die Sitzungen auch mehr Coaching als Therapie. Der Klient genießt die Sitzungen einfach und holt sich Energie für seine Arbeit. Die schwierigste Therapieform ist diejenige mit Jugendlichen, die sowohl ein Schock- als auch ein langjähriges Entwicklungstrauma haben.

Können die Klienten Ihre Arbeit schätzen und sich bei Ihnen bedanken, oder gibt es unzufriedene Klienten, weil sich die Erwartungen an die Therapie nicht erfüllt haben?

Es gibt beides. Wenn die Klienten geduldig sind, dann kommt es zu einem positiven Ende und beide Seiten sind dankbar und freuen sich. Manchmal scheitert auch ein Gespräch und die Person kommt dann vielleicht nicht mehr. Für mich ist die Therapie dann nicht abgeschlossen, und das beschäftigt mich oft noch lange.

Ab wann ist es gut, sich in Psychotherapie zu begeben?

Wenn man sich in seinen Gefühlen und in seinem Verhalten beeinträchtigt fühlt, wenn Burnout droht, wenn jemand nicht mehr schlafen kann, sich nicht mehr konzentrieren kann, auf Suchtverhalten ausweicht, seine Affekte nicht im Griff hat … Es gibt viele mögliche Anlässe. Kurz: Wenn das Leben aus den Fugen gerät, dann sollte man sich professionelle Hilfe suchen.

Welchen Tipp würden Sie Eltern und Mitschülern geben, die das Gefühl haben, dass ein Mensch aus ihrem Umfeld ernste psychische Schwierigkeiten hat?

Zu einer Beratung gehen, um die Situation abzuklären, die betroffene Person kontaktieren und ihr klar machen, dass Hilfeholen ein positiver Schritt in die richtige Richtung ist, wenn Probleme länger als vier Monate anhalten und man im „Funktionsbereich“, also Schule, Beruf, Freundeskreis, Sport usw. soziale Schwierigkeiten hat, die anhalten. Oder wenn der Körper Warnsignale sendet: Ess- und Schlafstörungen, Gereiztheit, innere Unruhe, Gefühle von Überforderung, Angstzustände.

 

Wie gehen Sie persönlich mit den tragischen Schicksalen anderer um?

Ich versuche immer, Erstarrungen zu lösen, die Ressourcen zu aktivieren und Zukunftsperspektiven zu erarbeiten, Hoffnungen zu entwerfen. Meistens funktioniert es und damit kann ich gut leben. Manchmal wird mir bewusst, dass ich viel mehr Geduld brauche, als ich es mir anfangs vorgestellt hatte. Ich bilde mich kontinuierlich weiter und entwickle neue Ideen und Konzepte. Wichtig sind auch die Gespräche im Kollegenkreis, also Supervision und Intervision, sowie Impulse durch Lektüre und Fachkonferenzen.

Fühlen Sie sich manchmal durch Ihre Arbeit ausgelaugt?

Die Frage ist berechtigt. Aber wir lernen in der Ausbildung, hier eine gesunde innere Distanz aufzubauen. Es ist nicht gut, die Fallgespräche mit nach Hause zu nehmen. Einmal hatte ich bei einer Klientin das Gefühl, dass sie mich zu viel Kraft kostet. Zum Glück ging sie dann in eine Klinik.

Braucht ein guter Therapeut selbst Therapie?

In den Ausbildungen durchlaufen wir ja „Lehrtherapien“. Später sind Unterstützung, Coaching und Supervision hilfreich und selbstverständlich. Aber Therapie für einen erfahrenen Therapeuten ist nicht notwendig.

Wie finden Sie selbst im Alltag Ihre innere Ruhe?

Wichtig sind Pausen ohne Kontakt, ein paar Sonnenstrahlen holen, schöne Kleider kaufen, mit meinem Mann gemütlich Fußball anschauen, weil es da nicht um Probleme geht, den Garten pflegen, in die Sauna gehen, mit meinem Mann spazieren gehen, das wären einige gute Möglichkeiten. Vielleicht auch noch gute Fachlektüre vorm Schlafengehen, das ist oft spannender als ein Krimi!

Gibt es jemanden in ihrem Leben, mit dem Sie sich besprechen können?

Ja, z.B. beim Nachtspaziergang mit meinem Ehemann bespreche ich alltägliche Begebenheiten, aber manche Themen behalte ich ganz für mich und verschließe sie in einem inneren Safe.

Viele Menschen können mit schlechten Nachrichten und Erlebnissen nicht umgehen. Gibt es im Leben manchmal so schreckliche Erlebnisse, über die man einfach nicht reden kann?

Ja, bei Traumata ist das Sprechen darüber oft neurophysiologisch gar nicht möglich. Bestimmte Hirnstrukturen sind „abgespalten“, also ausgeschaltet und das Broca-Zentrum (Sprachzentrum) ist blockiert. Das ist wirklich schlimm.

Der Volksmund sagt: Die Zeit heilt Wunden. Stimmt das?

Das hängt vom Ereignis und vom Schweregrad der Traumatisierung ab. Sehr oft findet „Verdrängung“ statt, oft über Jahre und Jahrzehnte! Verdrängung kostet immer Zeit und Lebensenergie. Die schweren Themen kommen irgendwann und manchmal zur „falschen Zeit“ ans Licht. Dann sind schon oftmals viele Jahre vergangen und das Zeitfenster Zukunft wird schmaler.

Ist Schweigen und Nicht-Sprechen in extremen Ausnahmesituationen manchmal der bessere Weg?

In der Regel nicht, nicht bei schweren Belastungen. Reden entlastet und befreit. Der therapeutische Dialog ist Teil der Gesundung.

Ist es immer zu empfehlen, sich bei persönlichen Problemen Hilfe zu holen?

Nein, keineswegs in jedem Fall. Oft regeln sich ja auch Dinge „von selbst“. Bei akuten Problemen ist ein Gespräch mit Freunden oder in der Familie vielleicht ausreichend. Wichtig ist, dass das Problem sich noch nicht verfestigt, also „manifestiert“ hat. Kommen Konzentrationsstörungen, Albträume, Kopfschmerzen, Magenschmerzen usw. hinzu und ist die Funktionsfähigkeit im Alltag eingeschränkt, dann ist professionelle Hilfe angezeigt.

Bei traumatischen Erfahrungen, wie beispielsweise den Erlebnissen der Flüchtlinge aus dem Irak oder Syrien, heißt es, so schnell wie möglich in Behandlung zu gehen, weil manchmal dann auch in kurzer Zeit effektiv geholfen werden kann. Wir sprechen dabei von „posttraumatischen Belastungsstörungen“.

Danke für das Gespräch!

Text und Fotos: Jonas Alberter, Q12