demenz_interview

“Im Prinzip lässt sich alles meistern, wenn die Liebe da ist.”

Demenz ist eine der häufigsten Krankheiten im Alter und oft ein Grund dafür, Betroffene von Fachkräften stationär betreuen zu lassen, wie es beispielsweise in Demenzwohngruppen der Fall ist. Wir haben solch ein Wohnheim im Landkreis Regensburg besucht. 12 demenzkranke Bewohnerinnen und Bewohner werden hier beim Meistern ihres Alltags fachkundig unterstützt. Frau Meier (Name von der Redaktion geändert), die Ehefrau eine Bewohners, schildert uns ihre Sicht der Dinge:

Blickkontakt: Mit welchen Anzeichen hat sich die Demenzerkrankung angekündigt?

Frau Meier: Am Anfang hat mein Mann immer häufiger Dinge einfach nur verlegt. Da fand er mal einen Schlüssel nicht, mal seine Jacke, Mütze oder Sonstiges. Meistens tauchten die Sachen nach längerem Suchen an ganz absurden Orten wieder auf. Der Schlüssel für das Auto zum Beispiel im Gartenhaus oder die Mütze unter dem Bett. Dazu kam, dass er zunehmend vergesslicher wurde.

Am Anfang erschien uns das alles noch „normal“, bzw. wir ordneten es dem fortgeschrittenen Alter zu, aber nach einiger Zeit des Verlegens und Vergessens gingen wir dann doch zum Arzt. Die Diagnose Demenz war das Ergebnis unseres Arztbesuches und zunächst für uns ein Schock. Mein Mann wurde dann erst einmal auf Medikamente eingestellt. Anfangs habe ich meinen Mann oft kritisiert oder ich habe geschimpft, wenn er Sachen verlegt hatte. Das ist heute anders. Ich weiß, dass er nichts absichtlich falsch macht. Es ist einfach diese Krankheit.

Wie sieht Ihr Alltagsleben mit Ihrem demenzkranken Mann aus?

Dadurch, dass Demenzkranke oft Dinge vergessen, wird das Alltagsleben für den Betroffenen und Angehörige oft sehr schwierig. Die Patienten vergessen beispielsweise, wo sie gerade hingehen wollten, oder sie müssen daran erinnert werden, regelmäßig auf die Toilette zu gehen oder die heiße Herdplatte auszuschalten. Mein Mann hat permanent Dinge in der Wohnung an Orte verräumt, wo sie noch nie hingehörten. Ich konnte ihn einfach nichts mehr alleine machen lassen. Die Dinge wurden natürlich im Laufe der Zeit, in der mein Mann noch zuhause lebte, immer schwieriger. Zum Schluss war es sogar häufig so, dass er selbst mich nicht mehr erkannte. Die Ausfallerscheinungen wurden größer und deren Folgen heftiger. Später kamen dann natürlich auch Pflegeleistungen dazu, wie z.B. das Tragen von Windeln. Alleinige Pflege zuhause war nicht mehr möglich. Vor allem die häusliche Pflege, die immer mehr wurde und die Tatsache, dass ich im Prinzip rund um die Uhr für meinen Mann da sein musste, machte es irgendwann notwendig, ihn stationär in dieser Wohngruppe mit ausgebildetem Fachpersonal unterzubringen.

 

Was können Sie Betroffenen für Tipps geben, aufgrund Ihrer Erfahrungen?

Im Prinzip lässt sich alles meistern, wenn die Liebe da ist. Die täglichen Probleme müssen zunehmend nicht als Probleme, sondern einfach als Herausforderungen angenommen werden. Entscheidend ist es, sich ohne Scham helfen zu lassen, bei Beratungen, aber auch im Bereich von praktischer Pflege. Zum Schluss ist es auch wichtig, im Zweifelsfall eine Entscheidung für eine stationäre Unterbringung zu treffen. Eine solche Entscheidung ist nie gegen die kranke Person gerichtet, sondern stellt sicher, dass die jeweiligen Angehörigen nicht kaputt gehen. Dann könnten sie nämlich gar nicht mehr für ihren kranken Angehörigen da sein.

Im Prinzip muss man demenzkranke Menschen so normal wie nur irgendwie möglich behandeln. Man akzeptiert, sie sind nun auf Hilfe angewiesen. Und der Verlauf der Krankheit ist auch jeden Tag anders, es gibt sogenannte graue Tage, da ist es schwieriger und Tage, an denen es wieder besser läuft. Es muss allen Beteiligten dabei immer klar sein, dass es um einen würdevollen Umgang mit der erkrankten Person geht.

Wie geht es Ihnen selbst dabei? Ihr Leben hat sich doch radikal verändert, oder?

Ja, das stimmt. Es ist ein bisschen so, wie mit kleinen Kindern. Auf einmal ist man im Alter wieder ganz für eine hilflose Person verantwortlich. Oft war ich verzweifelt und bin abends todmüde ins Bett gefallen und habe davon geträumt, wie schön unser Leben sein könnte, wenn wir es gesund in vollen Zügen genießen könnten. Oder ich habe darüber nachgedacht, warum das gerade uns passiert. Aber wenn ich dann hier bin und meinen Mann sehe, wie hilflos er ist, aber wie viel ich für ihn empfinde, und dass wir im Prinzip in unserem Leben immer füreinander da waren, auch wenn es schwer war, dann ist alles wieder anders. Dann weiß ich, dass wir jetzt immer noch zusammenleben, eben nur anders. Dass wir aber trotzdem glücklich sein können, nicht so wie andere vielleicht, aber trotzdem. Schließlich leben wir noch und haben uns, was an sich schon Glück bedeutet.

Herzlichen Dank für das Interview!

Text: Tim Wolbergs, Q11

Illustration: Sarah Meier, Q12