Bildung – Der Schlüssel zum Erfolg?

privilegien_illu

Ein ganz normaler Schultag. Überall in Deutschland kommen Kinder von der Schule nach Hause. Sie gehen in ihre Zimmer und machen Hausaufgaben, hören Musik, spielen auf ihren Handys oder machen Sport. Zwar muss der nächste Schultag vorbereitet werden, doch sie haben auch Zeit um sich zu entspannen und einfach mal nichts zu tun. Wer Hunger oder Durst hat geht in die Küche, macht den Kühlschrank auf und nimmt das, worauf er gerade Lust hat. Alles ganz selbstverständlich. Doch genau diese Selbstverständlichkeiten sind in Wahrheit etwas ganz Besonderes. Nur wenige Kinder und Jugendliche können diese Privilegien genießen. Tatsächlich leben laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung allein in Deutschland etwa 21 Prozent aller Kinder in Armut. Weltweit sind es sogar eine Milliarde Kinder, also ist fast jedes zweite Kind von Armut betroffen. Für sie geht es tagtäglich um das blanke Überleben, viele von ihnen können nicht einmal die Schule besuchen. Uns geht es also im Vergleich ziemlich gut, wir sind sehr privilegiert! Doch was bedeutet eigentlich „privilegiert“ genau? Privilegien sind Vorteile oder Vorrechte, die einer Gruppe der Gesellschaft vorbehalten sind. Das können ganz grundsätzliche Dinge wie der Zugang zu Bildung oder die Möglichkeit zum Arzt zu gehen sein, aber auch weniger Sichtbares wie ein Gefühl von Sicherheit und die gesellschaftliche Akzeptanz des Einzelnen. Privilegien führen dazu, dass für einige ganz selbstverständlich ist, auf ein Gymnasium zu gehen und zu studieren, während andere sich das hart erarbeiten und dafür kämpfen müssen. Privilegien bedeuten auch, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung nicht die gleichen Chancen haben wie andere. Das heißt also, dass man sich Privilegien nicht verdienen, aussuchen oder erarbeiten kann, sie werden einem von der Gesellschaft zu- oder abgesprochen.

Aber stimmt das wirklich? Kann man sich Privilegien wirklich nicht erarbeiten? Ganz klar ist, dass man an seiner Herkunft oder Hautfarbe nichts ändern kann, aber das sollte auch keinesfalls notwendig sein müssen. Ganz im Gegenteil, unsere Gesellschaft muss etwas dafür tun, dass jeder genauso akzeptiert wird, wie er oder sie ist. Doch andere Arten von Privilegien, etwa solche, die durch Geld oder Bildung entstehen, sollte sich doch jeder erarbeiten können, oder? Als Grundlage dafür bräuchte man eine gleiche Ausgangssituation für alle, wie man sie durch ein gerechtes Bildungssystem schaffen kann. Das deutsche Bildungssystem hat als eins der wichtigsten Ziele den Bildungserfolg von sozialer Herkunft zu entkoppeln. Das bedeutet, dass jeder die Möglichkeit haben soll, den höchstmöglichen Abschluss zu erreichen, egal aus welcher Familie er oder sie stammt. Da in Deutschland Bildungspolitik aber in der Zuständigkeit der Länder liegt, gibt es zum Teil gravierende Unterschiede im Schulsystem zwischen einzelnen Bundesländern. Die Bundeszentrale für politische Bildung stellte zum Beispiel fest, dass es 2010 in Bayern und Baden-Württemberg sechseinhalb Mal wahrscheinlicher war, dass ein Kind einer Familie mit hohem Einkommen das Gymnasium besucht, als das aus einer Arbeiterfamilie mit gleicher Lesekompetenz. Im Gegensatz dazu war es in Brandenburg und Hamburg nur zweieinhalb Mal so wahrscheinlich. Es zeigt sich also sehr deutlich, dass Kinder je nach ihrer sozialen Herkunft große Vor- bzw. Nachteile haben, was das Erreichen eines höheren Schulabschlusses betrifft. Das bedeutet, dass Kindern, für die die Bildung das wichtigste Mittel zum sozialen Aufstieg ist, genau diese verwehrt wird. Sie haben von Anfang an nicht die selben Chancen wie andere, sie sind weniger privilegiert. Deutschland steht hier im Vergleich mit den OECD-Staaten, also wirtschaftlich starken Ländern, ziemlich schlecht da. Nur in wenigen anderen Ländern, darunter Frankreich, Neuseeland und Israel, ist Bildungserfolg noch enger an der sozialen Herkunft gebunden. In Deutschland haben fast 60 Prozent der 25 bis 34-jährigen den selben Abschluss wie ihre Eltern, nur etwa 20 Prozent erreichen einen höheren Abschluss. Man kann also sagen, dass Bildung „vererbt“ wird. Erschreckend ist ebenfalls, dass in Deutschland etwa jeder 17. Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlässt.

Dennoch steht Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern sehr gut da, da jeder prinzipiell die Möglichkeit hat, sein Abitur zu erreichen, egal wo er oder sie herkommt. Ganz anders sieht es dagegen in anderen Teilen der Welt aus. Vor allem in Afrika und einigen asiatischen Ländern sind die Bildungschancen besonders schlecht. Laut dem Weltbildungsbericht der UNESCO haben fast 61 Millionen Kinder weltweit nicht die Möglichkeit, eine Grundschule zu besuchen. Ihnen fehlt also jegliche Art von Lese- und Rechenfähigkeit, was zu einer erheblichen Verschlechterung der Chancen auf dem Arbeitsmarkt und zu einer Einschränkung der Lebensqualität führt. Sowohl die politische als auch die gesellschaftliche Beteiligung wird dadurch stark eingeschränkt. Für viele Familien ist es sehr schwer, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Oft haben sie nicht das nötige Geld, um ihr Kind in die Schule zu schicken, oder das Kind muss arbeiten, um die Familie finanziell zu unterstützen, sodass ihm das gleiche Schicksal wie seinen Eltern widerfährt. Noch einmal deutlich schwieriger ist der Zugang zu Bildung für benachteiligte Bevölkerungsgruppen, sprich Mädchen und Frauen, Angehörige von religiösen oder sprachlichen Minderheiten, indigener Völker oder Menschen mit Behinderung. Diese Gesellschaftsschichten werden oftmals systematisch ausgegrenzt und verfolgt, den Kinder dieser Familien wird Bildung häufig komplett verwehrt. Da ein hohes Bildungsniveau aber eine der wichtigsten Voraussetzungen für nachhaltiges Wirtschaftswachstum eines Landes und Armutsbekämpfung ist, ist die Förderung der Bildung eines der zentralen internationalen Entwicklungsziele.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass wir in Deutschland im Vergleich zu vielen Entwicklungsländern das Privileg haben, dass durch die Schulpflicht jeder eine Grundausbildung erhält. Es ist dennoch zu beachten, dass auch hier nicht alle die gleichen Chancen auf Bildungserfolg haben. In Entwicklungsländern hingegen sind die Menschen privilegiert, die überhaupt Zugang zu Bildung haben. Sie ist der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben und die Voraussetzung für die Bekämpfung von Armut. Daher darf Bildung in Zukunft kein Privileg mehr sein, der Zugang zu Bildung muss weltweit für alle gewährleistet werden.

Text: Linda Kern, Q12

Illustration: Elias Paquay Bäumler