zwillinge

Du wachst auf. „Heute ist dein großer Tag!“, denkst du dir. „Heute ist dein Geburtstag!“ Euphorisch springst du aus dem Bett, heute ausnahmsweise mal sogar ganz zügig. Nur so, zur Feier des Tages. Geburtstag. Ein Tag, der nur zu deinen Ehren gefeiert wird. Schnell ziehst du dir deinen Bademantel drüber und läufst nach unten in die Küche. Dort begrüßen dich deine Eltern schon mit einem Küsschen, deine Mutter flüstert dir ein:„Alles Gute zum Geburtstag, Schatz.“ , ins Ohr und dein Vater schenkt dir einen warmes Lächeln. Du setzt dich hin. Auf deinen Platz. Vor deine Geschenke. Schon überlegst du dir, ob du wohl dein neues Handy bekommst oder nicht. Dir gegenüber sitzt deine Schwester. Ihr schaut euch an, grinst und sagt es beide im selben Moment: „Alles Gute zum Geburtstag, Schwesterherz.“

Auch sie sitzt hinter ihrem Haufen an Geschenken. Denn, heute ist nicht nur dein Geburtstag, nein, heute ist euer Geburtstag. Heute feiert ihr gemeinsam den Tag, an dem ihr zusammen in diese Welt gekommen seid. Denn sie ist nicht nur deine Schwester. Sie ist deine Zwillingsschwester. Zwillinge. Sie sind ein Wunder der Natur. Zwei Kinder, die zur selben Zeit im Bauch der Mutter heranwachsen und geboren werden und die von Anbeginn ihres Lebens zu zweit sind und nicht alleine. Auch Nicole und Angelina sind eineiige Zwillinge und sind gemeinsam
aufgewachsen und groß geworden. Vor allem als Babys und Kleinkinder waren sie immer zusammen, was natürlich Auswirkungen auf ihre frühkindliche Entwicklung hatte. Schon als Kleinkinder entwickeln sich Zwillinge anders im Gegensatz zu gleichaltrigen „Einzelkindern“. Während der Durchschnitt der Kleinkinder sich beispielsweise bereits ab zwei Jahren selbst im Spiegel erkennen und identifizieren kann, brauchen eineiige Zwillinge hierfür normalerweise ein Paar Monate länger. Logisch, denn sie glauben im Spiegel nicht sich selbst, sondern ihren jeweiligen Zwilling zu erkennen. Auch in der sprachlichen Entwicklung lassen sich hierbei Unterschiede beobachten. Eineiige Zwillinge nehmen beispielsweise das Wörtchen „Ich“, später in ihr Vokabular auf, als andere Kinder. So auch bei Nicole und Angelina. Während Angelina das Wort „Ich“, durch den Namen ihrer Schwester ersetzte, sprach Nicole zu Beginn nur in der 3. Person von sich selbst. Häufig entwickeln Zwillinge sogar eine eigene Sprache, um sich untereinander zu verständigen. Wer jetzt denkt eineiige Zwillinge hätten deshalb einen Entwicklungsnachteil gegenüber anderen Kinder, der irrt sich. Angelina und Nicole sind beide zwei sehr freundliche Mädchen, die die 10.Klasse des Von-Müller-Gymnasiums besuchen und sich schon fleißig auf die Oberstufe vorbereiten. Heute gehen die beiden Mädchen in dieselbe Klasse. Das war nicht immer so. Die
Grundschule verbrachten die beiden in getrennten Klassen. Damals war das die erste richtige Trennung für die zwei Mädchen, die zuvor auch im Kindergarten die meiste Zeit zusammen verbrachten. Die Trennung sei zwar zu Beginn schmerzhaft und von Tränen begleitet gewesen, doch ist vor allem Nicole im Nachhinein froh über diesen Schritt. Insbesondere ihr Selbstbewusstsein profitierte hiervon. Zwillinge, eineiige wie auch zweieiige verbringen in der Zeit vor dem Kindergarten so gut wie jede Minute ihres Lebens gemeinsam. Sie sind daran gewöhnt Situationen zusammen zu meistern, was jedoch eine gewisse Abhängigkeit voneinander mit sich bringt. Besonders für Nicole waren die getrennten Klassen damals ein wichtiger Schritt in ihrer persönlichen Entwicklung. Zum ersten Mal musste sie den Alltag ohne ihrer Schwester meistern und war ganz auf sich alleine gestellt.

Dies hat jedoch nichts an der guten Beziehung zu ihrer Schwester geändert. So verbringen die beiden auch heute noch große Teile ihrer Freizeit miteinander,beide spielen gern Tennis und sind in einer Hip-Hop Gruppe angemeldet. Ihr Verhältnis zueinander beschreiben beide als sehr innig. So meint Angelina, es sei einfach schön jemand Gleichaltrigen an ihrer Seite zu haben. Doch trotz der gemeinsamen Hobbys und zahlreicher gemeinsamer Interessen sind die beiden Mädchen sehr unterschiedlich. Vor allem in ihren Charaktereigenschaften sind sie
definitiv verschieden, betonen die beiden Mädchen. Während Angelina von ruhigem und besonnenem Gemüt ist, ist Nicole eher quirliger und spontaner. Doch das ist bei Weitem nicht das einzige, was die beiden Mädchen unterscheidet. Erstaunlicherweise sehen sie sich optisch ebenfalls nicht so gleich wie man auf den ersten Blick denkt, bei genauerem Hinsehen sind durchaus klitzekleine Verschiedenheiten zu bemerken. Kein eineiiges Zwillingspaar ist komplett identisch. So gleichen sich weder die Fingerabdrücke eineiiger Zwillinge, noch lassen sich die biometrische Gesichtserkennung sowie der Irisscanner austricksen und erkennen den Unterschied sofort. Uns Mitmenschen fällt das deutlich schwerer, so sind Angelina und Nicole regelmäßig der Auslöser einer allgemeinen Lehrer-Verwirrtheit. Vor allem am Schuljahresbeginn sei es besonders kompliziert, erklären die beiden. Und auch in der Öffentlichkeit sind die zwei Mädchen ein Phänomen, ihre erstaunliche Ähnlichkeit fasziniert viele Menschen. Verstohlene oder auch ganz offene Blicke gehören zur Tagesordnung, manchmal bleiben ältere Damen auch stehen und sprechen sie an, berichtet Angelina. Die Faszination ist leicht zu verstehen, die Ähnlichkeit der beiden Mädchen, die Ähnlichkeit eineiiger Zwillinge, verblüfft uns immer wieder aufs Neue.
Und doch sollten wir hierbei eins nicht vergessen: Ganz egal wie ähnlich sich eineiige Zwillinge beim ersten Hinschauen sein mögen, sie sind in vielen Punkten doch viel verschiedener als man denkt.
Identisches Genmaterial ist eben nicht gleich identische Identität. Eins, zwei, drei,… mit geschlossen Augen pustest du die Kerze aus und denkst dabei an deine Geschenke, dein Handy und deinen Geburtstag.

Text: Marie Oberhofer, Q12

Illustration: Marlene Schaetz, 7b